Schweiz kann Gegner wählen (Bild: zweiteliga.org).

Eishockey-WM: Jetzt kann die Schweiz «wählen»

Die Versuchung ist gross. Fast zu gross. Zwanzig Jahre nach Turin bietet sich der Schweiz an der Eishockey-WM im eigenen Land, eine historische Pointe. Damals, bei den Olympischen Spielen 2006, hatte Schweden sich den Turnierbaum mit kühler nordischer Präzision zurechtgebogen …

Zur Erinnerung: Eine Niederlage gegen die Slowakei öffnete den Weg zum Viertelfinal gegen die Schweiz. Der Rest ist Geschichte: Gold für Schweden, Ernüchterung für die Schweizer.

Und nun? Nun steht plötzlich die Schweiz am Schalthebel der Macht.

Vor dem letzten Gruppenspiel gegen Finnland kennt die Mannschaft von Trainer Jan Cadieux bereits das Resultat der Schweden-Partie. Ein Detail? Nein. Im internationalen Eishockey sind solche Konstellationen nie bloss Zufall der Uhrzeiten. Sie sind strategische Einladungen.

Denn je nach Ausgang könnte sich die Schweiz ihren Viertelfinalgegner praktisch aussuchen.

Will man Schweden (sofern dieses Team die Viertelfinals nicht sogar verpasst)? Oder nimmt man lieber einen Gegner, der auf dem Papier weniger Tiefe, weniger NHL-Wucht und weniger Turniergeschichte mitbringt?

Hinter den Kulissen wird gerechnet

Natürlich wird niemand öffentlich von Taktieren sprechen. Das gehört zum ungeschriebenen Ehrenkodex des Hockeys. Trainer reden dann von «Rhythmus behalten», «fokussiert bleiben» und «jedes Spiel gewinnen wollen». Aber hinter den Kulissen wird gerechnet. Immer. Wer das bestreitet, glaubt vermutlich auch noch an Zufälle beim Spielplan.

Die Ironie dieser WM 2026 ist fast literarisch schön: Ausgerechnet die Schweiz könnte nun dieselbe kalte Macht ausüben, die sie 2006 selbst getroffen hat.

Zum starken Gegner gereift

Der Unterschied zu damals: Die Schweiz ist heute keine freundliche Aussenseitergeschichte mehr. Kein sympathischer Störenfried. Sondern eine Hockey-Nation mit Final-Ambitionen, NHL-Spielern und der Ausstrahlung eines echten Medaillenkandidaten. Wer gegen die Schweiz spielen muss, bekommt kein «günstiges Viertelfinal» mehr, sondern ein Problem.

Und genau deshalb ist die Lage für Jan Cadieux heikel. Denn wer taktiert, trägt Verantwortung. Verlierst du absichtlich und scheidest später aus, wirst du zum Gespött. Gewinnst du Gold, nennt man es strategische Genialität. Schweden kennt diese Lektion seit Turin.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Revanche der Schweiz: Nicht darin, Schweden aus dem Turnier zu werfen. Sondern endlich selbst in der Position zu sein, über die Macht des Spielplans nachdenken zu dürfen.

Daniel Gerber