2. Bundesliga 2026/27 – 10. Spieltag: Hertha auf dem Olymp, der KSC zwischen Aufbruch und Ernüchterung

Die 2. Bundesliga hat nach zehn Spieltagen ihre erste grosse Dramaturgie gefunden. Hertha BSC marschiert beinahe unaufhaltsam vorneweg, Nürnberg und Wolfsburg lauern. Und während Arminia Bielefeld überrascht, muss der Karlsruher SC erst noch beweisen, dass aus einer mutigen Idee eine tragfähige Zukunft werden kann.

Zehn Spieltage sind absolviert. Die Saison hat ihre erste Wegmarke erreicht, es ist die Zeit der ersten Urteile. Und eines davon fällt ziemlich eindeutig aus: Hertha BSC ist derzeit die grosse Macht im Unterhaus.

Neun Siege, ein Unentschieden, 28 Punkte. Die Berliner thronen auf dem ersten Platz, sieben Zähler vor Nürnberg. Das ist mehr als ein guter Saisonstart. Das ist eine Demonstration. Während andere Mannschaften noch nach ihrer Identität suchen, scheint Hertha bereits zu wissen, wohin die Reise geht. Der 3:0-Auswärtssieg in Kaiserslautern war dafür ein weiteres Ausrufezeichen. Hertha spielt derzeit, als hätte man in Berlin beschlossen, die Zweitklassigkeit nicht länger als Lebensform zu akzeptieren. Ein wenig erinnert diese Dominanz an die grossen Aufbruchsmomente der Fussballgeschichte: als aus einer Ansammlung guter Einzelspieler plötzlich eine Mannschaft wurde, die ihrer Zeit voraus schien.

Der erste Verfolger heisst Nürnberg

Die Franken haben sich mit sechs Siegen aus zehn Partien auf den zweiten Platz geschoben. Der 3:1-Erfolg bei St. Pauli am vergangenen Wochenende war dabei ein Statement. Nürnberg ist vielleicht nicht so majestätisch unterwegs wie Hertha, aber die Mannschaft besitzt etwas, das in dieser Liga Gold wert ist: die Fähigkeit, auch auswärts gegen starke Gegner zu bestehen. Die alte Fussballweisheit, dass Meisterschaften nicht nur durch Glanz, sondern durch Charakter gewonnen werden, scheint in Franken gerade eine Renaissance zu erleben.

VfL Wolfsburg gehört zu den Gewinnern

Platz drei, 19 Punkte und mit 25 Treffern die stärkste Offensive der Liga. Die Niedersachsen sind nicht unbedingt die romantischste Überraschung dieser Spielzeit, aber eine Mannschaft mit beträchtlicher Durchschlagskraft. Der 2:0-Sieg gegen Osnabrück unterstrich die Ambitionen. Wolfsburg hat die Mittel, um ganz oben mitzuspielen. Die Frage ist weniger, ob die Qualität vorhanden ist, sondern ob daraus über eine ganze Saison jene Konstanz entsteht, die es für die Rückkehr ins Oberhaus braucht.

Arminia Bielefeld fordert Respekt

Eine der erfreulicheren Geschichten schreibt Arminia Bielefeld. Platz sieben ist nach zehn Spieltagen eine respektable Zwischenbilanz. Der 3:1-Sieg gegen Braunschweig zeigte, dass die Ostwestfalen keineswegs nur mitlaufen wollen. Bielefeld bringt eine erfrischende Unbekümmertheit in diese Liga. Nicht jeder Aufsteiger muss sich zuerst ehrfürchtig vor den grossen Namen verneigen. Manchmal reicht es, einfach Fussball zu spielen. Die Arminia scheint genau das zu versuchen. Sie ist noch kein Kandidat für die ganz grossen historischen Kapitel, aber vielleicht der Überraschungsgast, der eine Gesellschaft erst interessant macht.

Karlsruher SC auf der Suche

Anders sieht es beim Karlsruher SC aus. Platz 13, elf Punkte, fünf Niederlagen. Das ist nicht die Bilanz, mit der man in Baden von einer goldenen Zukunft träumt. Dabei begann das Projekt unter dem neuen Trainer Maximilian Senft durchaus verheissungsvoll. Der KSC hat einen gewaltigen Umbruch hinter sich. Nach sechs Jahren endete die Ära Christian Eichner. Mit ihm gingen auch reichlich Erfahrung und Zweitliga-Routine. Senft soll nun eine neue Mannschaft formen, mutiger, jünger und offensiver.

Das klingt nach Aufbruch. Doch die Realität der zweiten Liga ist bisweilen ein ziemlich unromantischer Lehrmeister. Sechs Spiele ohne Sieg, eine wacklige Defensive und zwischenzeitlich erhebliche Zweifel am neuen Konzept haben gezeigt, wie steinig dieser Weg ist. Immerhin: Der 2:1-Erfolg gegen Heidenheim am vergangenen Samstag könnte zum Wendepunkt werden. Vielleicht war es ein kleines Signal, vielleicht der Beginn einer neuen Etappe. Jedenfalls hat der KSC bewiesen, dass in dieser Mannschaft mehr steckt als die jüngsten Resultate vermuten liessen.

Der Vergleich mit der Geschichte sei erlaubt: Grosse Reformen sehen in ihrer Anfangsphase selten wie fertige Meisterwerke aus. Auch die Renaissance begann nicht an einem einzigen Nachmittag. Aber sie brauchte Menschen, die bereit waren, alte Gepflogenheiten infrage zu stellen. Der KSC hat diesen Mut. Was ihm noch fehlt, ist der Beweis, dass aus Mut auch Stabilität wird.

Daniel Gerber