Die Challenge League ist nach elf Runden eine Meisterschaft der Kontraste: vorne eine Mannschaft mit der Ruhe eines antiken Monuments, dahinter zwei Aufstiegsaspiranten im Gleichschritt. Und mittendrin ein FC Wil, der sich von den hinteren Rängen lösen will.
Die Rangliste erzählt von einer Mannschaft, die kaum jemand aus der Ruhe bringt, von einem Absteiger mit Ambitionen und von Traditionsvereinen, die zwischen Hoffnung und Ernüchterung pendeln.
Stade-Lausanne-Ouchy ist derzeit das Mass der Dinge. 25 Punkte, 20:3 Tore, noch keine Niederlage. Das ist eine bemerkenswerte Demonstration von Stabilität. Während andere Mannschaften ihre Form suchen wie Archäologen eine verschollene Zivilisation, wirkt SLO bereits erstaunlich fertig. Die Abwehr steht wie ein römisches Aquädukt: nüchtern, zweckmässig, gebaut für ganze Epochen … oder zumindest für die Dauer dieser Saison.
Dahinter lauert Yverdon Sport. 22 Punkte, 21 erzielte Tore und erst eine Niederlage: Yverdon hat sich als ernsthafter Anwärter auf die Spitzenplätze etabliert. Der jüngste 5:2-Sieg gegen Kriens unterstreicht, dass diese Mannschaft nicht bloss verwalten, sondern auch zuschlagen kann. Drei Punkte Rückstand auf SLO sind kein Abgrund. Das ist eine Distanz, die sich mit einer guten Serie in wenigen Wochen überbrücken lässt.
Der FC Winterthur wiederum beweist, wie schnell sich die Perspektive im Fussball verändern kann. Nach dem Abstieg aus der Super League ist die Rückkehr keineswegs ein Spaziergang durch die eigene Vergangenheit. Doch mit 21 Punkten und 23 Toren stellt Winterthur die beste Offensive der drei Spitzenteams. Die Mannschaft hat sich gefangen und ist im Aufstiegsrennen angekommen. Wie in der Schweizer Geschichte nach dem Wiener Kongress von 1815 geht es darum, die Ordnung neu zu finden; nur dass hier nicht Diplomaten, sondern Fussballer die Verhältnisse gestalten.
Die eigentliche Überraschung könnte allerdings der SC Kriens sein. Der Aufsteiger steht nach elf Runden mit 15 Punkten auf Platz fünf. Das ist keine Sensation von historischem Ausmass, aber ein starkes Zwischenzeugnis für eine Mannschaft, die sich erst wieder auf diesem Niveau behaupten muss. Der 2:5-Rückschlag gegen Yverdon zeigt allerdings auch, wie gross die Unterschiede zur Spitze noch sein können.
Anders sieht es beim FC Wil aus: Rang neun, elf Punkte, 18:24 Tore. Das ist eine Bilanz, die keine Jubelstürme auslöst. Gleichzeitig wäre es zu einfach, die Ostschweizer bereits abzuschreiben. Das 2:2 gegen Rapperswil-Jona war ein weiterer Punkt, aber eben auch kein Befreiungsschlag. Wil braucht mehr defensive Ordnung und mehr Konsequenz, um der gefährlichen Abwärtsspirale zu entkommen.
Daniel Gerber