DFB-Pokal, 1. Runde. Der Cup kennt keine Tabellen; und die Zweitligisten kennen keine Gnade

Die Antwort ist meistens: der Profi. Für die 18 Zweitligisten beginnt an diesem Wochenende deshalb nicht einfach ein Pokalwettbewerb. Es beginnt eine Prüfung des Nervenkostüms. 30 der 32 Partien der ersten Runde werden vom 21. bis 24. August gespielt, zwei weitere folgen Anfang September.

Und die Zweitliga-Klubs haben interessante Aufgaben bekommen.

Kaiserslautern gegen Mannheim: Hier wird nicht gespielt, hier wird gearbeitet Beginnen wir mit dem Spiel, das schon auf dem Papier nach Ärger riecht: Waldhof Mannheim gegen den 1. FC Kaiserslautern.

Das ist kein gemütlicher Pokalausflug. Das ist ein Nachbarschaftsstreit mit 22 Spielern, einem Ball und sehr viel Geschichte. Kaiserslautern kommt als Zweitligist, Mannheim als Drittligist. Auf dem Papier ist die Sache klar. Auf dem Papier ist im Pokal allerdings schon manches schiefgegangen. Für den FCK ist dieses Spiel deshalb gefährlich. Nicht weil Mannheim besser sein muss. Sondern weil Mannheim nichts zu verlieren hat. Das ist die schönste Waffe des Aussenseiters: Er darf verlieren. Der Favorit muss gewinnen.

Nürnberg und Hertha: Zwei grosse Namen, zwei unangenehme Reisen

Der 1. FC Nürnberg muss zur Viktoria nach Köln. Hertha BSC reist zum 1. FC Saarbrücken.

Das sind genau jene Partien, bei denen Trainer vor dem Spiel Sätze sagen wie: „Wir müssen von der ersten Minute an voll da sein.“ Übersetzt heisst das: Bitte keinen Unsinn machen.

Nürnberg und Hertha haben den Anspruch, irgendwann wieder dort zu sein, wo die ganz grossen Pokalabende stattfinden. Doch der Weg nach Berlin führt bekanntlich manchmal über Saarbrücken.

Und Saarbrücken ist kein Ort, an dem man als Favorit gerne einen schlechten Nachmittag erwischt.

Schalke: Der grosse Name muss liefern

Schalke hat beim Halleschen FC eine Aufgabe, die weniger romantisch als gefährlich ist. Halle braucht keinen Schönheitspreis. Schalke braucht ihn schon gar nicht. Schalke braucht einfach die nächste Runde. Das ist der Unterschied zwischen Pokalromantik und Profifussball.

Für den Amateur oder Regionalligisten ist der Pokalabend das Ereignis des Jahres. Für den Zweitligisten ist er Bestandteil des Arbeitsvertrages. Und genau darin liegt die Gefahr.

Wenn Schalke nach 20 Minuten nicht führt, beginnt auf den Rängen das Rechnen. Nach 60 Minuten wird aus Zuversicht Nervosität. Und nach 80 Minuten wird jeder Einwurf zum historischen Ereignis. Der Pokal kann grausam sein.

Kiel gegen 1860: Ein Spiel mit Fallhöhe

Holstein Kiel bei 1860 München. Das ist eine dieser Begegnungen, bei denen die Pokalkugel ihren Job sehr ordentlich erledigt hat. Kiel kommt aus der 2. Bundesliga, 1860 aus der 3. Liga. Der Klassenunterschied existiert. Aber er ist klein genug, um im Lärm des Grünwalder Stadions vergessen zu werden. Und dort wird es laut.

Kiel muss nicht besser sein als 1860. Kiel muss nur verhindern, dass 1860 glaubt, besser zu sein. Das ist im Pokal manchmal die schwierigste Aufgabe überhaupt.

Dresden, Bielefeld, Magdeburg: Die Ostdeutschen bekommen keine Spaziergänge

Dynamo Dresden muss zu Westfalia Rhynern, Arminia Bielefeld nach Großaspach, Magdeburg zum Bahlinger SC. Das sind Partien, die nach Pflichtaufgabe aussehen. Und genau deshalb sind sie gefährlich. Dresden hat den Namen. Magdeburg hat die Wucht. Bielefeld hat die Erfahrung.

Der Gegner hat dagegen etwas viel Wertvolleres: Vorfreude. Für die Spieler des kleinen Vereins ist der Zweitligist nicht einfach der nächste Gegner. Er ist die Mannschaft, von der man später erzählen wird: „Weisst du noch damals, als Dynamo bei uns war?“ Solche Abende können Beine leichter machen. Oder schwer.

Und dann ist da Fürth gegen Bochum

Die interessanteste Paarung der Zweitligisten ist vielleicht ausgerechnet jene, bei der keiner von beiden Favorit sein darf. Greuther Fürth gegen VfL Bochum. Zweite Liga gegen zweite Liga. Kein Amateurbonus. Kein Klassenunterschied. Kein Alibi. Einer fliegt raus. Das macht den Pokal plötzlich ehrlich. Beide kennen den Gegner. Beide kennen die Liga. Beide wissen, wie sich ein Zweitligaspiel anfühlt, wenn es nach 70 Minuten 0:0 steht und jeder Fehler plötzlich aussieht wie eine Katastrophe. Hier geht es nicht um Sensation. Hier geht es um Überleben.

Der Pokal hat seine eigene Physik

Und deshalb sollte man die Zweitligisten nicht danach beurteilen, wer den schönsten Kader besitzt. Im Pokal zählen andere Dinge. Nerven. Zweikämpfe. Standards. Geduld. Und die Fähigkeit, in einem fremden Stadion bei 1:1 in der 83. Minute nicht plötzlich Fussballromantiker zu werden.

Der DFB-Pokal ist kein Wettbewerb für Träumer. Er ist ein Wettbewerb für Mannschaften, die wissen, wann sie leiden müssen. Die Zweitligisten haben dabei einen entscheidenden Vorteil: Sie sind Profis. Aber genau das ist auch ihr Problem.

Denn der Gegner ist bereit, für 90 Minuten seines Lebens zu spielen. Der Zweitligist spielt um den Einzug in Runde zwei. Der Amateur spielt um eine Geschichte, die er seinen Enkeln erzählen wird. Und deshalb beginnt an diesem Wochenende wieder dieses alte Pokalgesetz: Je kleiner der Gegner, desto grösser die Gefahr. Wer das nicht verstanden hat, darf am Montag wieder Liga spielen. Wer es verstanden hat, darf weiterträumen. Denn im Pokal ist die nächste Runde immer nur einen Sieg entfernt. Und die Blamage ebenfalls.

Daniel Gerber