Sieben Spieltage sind absolviert. Hertha BSC marschiert, der 1. FC Nürnberg spielt mit offenem Visier, der VfL Wolfsburg entdeckt die Tücken der zweiten Liga. Und der VfL Osnabrück? Der erinnert daran, dass im Fussball nicht jeder Fortschritt wie eine Revolution aussehen muss.
Die Saison ist noch jung. Aber sie hat bereits eine Geschichte, die sich nun doch schon über sieben Spieltage erstreckt. Und wie so oft in der 2. Bundesliga ist es eine Geschichte voller Widersprüche, überraschender Wendungen und grosser Versprechen, die sich erst noch bewähren müssen.
Ganz oben thront Hertha BSC. Sieben Spiele, sieben Siege, 21 Punkte. Eine makellose Bilanz, wie sie selbst ambitionierte Aufstiegskandidaten nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Die Berliner gewinnen nicht bloss. Sie vermitteln den Eindruck, als hätten sie endlich begriffen, dass Tradition allein keine Punkte bringt, aber mit Konsequenz, Qualität und Selbstvertrauen durchaus wieder Gewicht bekommen kann.
Der 2:1-Erfolg gegen Greuther Fürth war kein rauschendes Fussballfest. Er war wertvoller: ein Arbeitssieg. Hertha hat nun vier Punkte Vorsprung auf Nürnberg. Noch ist der Herbst kein Frühling, und sieben Spieltage sind kein Meistertitel. Aber der Hauptstadtklub hat sich eine Ausgangslage geschaffen, die den Traum von der Rückkehr ins Oberhaus mehr ist als eine sentimentale Erinnerung an bessere Zeiten. Die Alte Dame ist wieder eine ernst zu nehmende Grösse.
Nürnberg und Wolfsburg: Fussball als Hochseilakt
Das spektakulärste Schauspiel lieferte der 1. FC Nürnberg. Das 4:4 gegen den VfL Wolfsburg war ein Spiel wie ein Roman, dessen Autor sich weigert, die Spannung rechtzeitig aufzulösen. Acht Tore, zwei Mannschaften mit offensiven Ambitionen – und eine Partie, die sich jeder taktischen Beruhigung widersetzte.
Nürnberg bleibt nach sieben Runden ungeschlagen und steht mit 17 Punkten auf Rang zwei. Das ist mehr als ein hübscher Zwischenstand. Die Franken haben sich als ernsthafter Herausforderer etabliert. Ihre Offensive produziert, ihre Mannschaft glaubt an sich. Vier Gegentore gegen Wolfsburg zeigen allerdings auch: Wer den Aufstieg anstrebt, darf nicht jede Partie in ein dramaturgisches Experiment verwandeln.
Wolfsburg wiederum ist ein Verein mit Erstligaanspruch und Erstligaerinnerungen. Platz fünf, zwölf Punkte, 19 erzielte Tore: Das klingt respektabel. Doch drei Unentschieden aus sieben Spielen sind für einen Klub, der möglichst rasch zurück nach oben möchte, kein Grund für Champagner. Die Wolfsburger besitzen die Möglichkeiten, die Tabelle zu erklimmen. Ob sie auch die Geduld und defensive Stabilität dafür haben, ist eine andere Frage.
Die Geschichte des Fussballs lehrt schliesslich: Namen gewinnen keine Meisterschaften. Das wusste schon der grosse Alfredo Di Stéfano, dessen Real Madrid einst eine Epoche prägte – nicht wegen des Briefpapiers des Vereins, sondern wegen der Leistung auf dem Platz.
1. FC Magdeburg: Der Aufsteiger der Ansprüche
Auch der 1. FC Magdeburg verdient Aufmerksamkeit. Rang vier, 13 Punkte, dazu ein überzeugendes 3:0 gegen Hannover 96. Das ist ein Signal. Magdeburg tritt nicht auf, als wolle es sich bloss in der Liga einrichten. Die Mannschaft setzt Akzente und zeigt, dass sie an einem guten Tag auch ambitionierte Konkurrenten beherrschen kann.
Der Erfolg gegen Hannover war umso bemerkenswerter, weil er dem Debüt von Sandro Wagner als Trainer der Niedersachsen die Bühne nahm. Für Magdeburg ist das ein Moment, der Selbstvertrauen stiftet. Für Hannover ein Hinweis, dass ein neuer Name an der Seitenlinie noch keine neue Wirklichkeit schafft.
Noch sollte niemand aus sieben Spieltagen eine grosse Prognose zimmern. Aber Magdeburg hat sich in eine Position gebracht, aus der sich mehr entwickeln kann als ein sorgenfreier Herbst.
VfL Osnabrück: Keine Oper, aber ehrliche Arbeit
Und dann ist da der VfL Osnabrück. Zehnter Platz, acht Punkte, zehn Tore erzielt, 13 kassiert. Das ist weder Glanz noch Elend. Es ist die nüchterne Wirklichkeit einer Mannschaft, die sich ihren Platz in dieser Liga erst verdienen muss.
Das 1:1 gegen Dynamo Dresden brachte keinen grossen Befreiungsschlag, aber immerhin einen Punkt. Osnabrück bleibt damit im breiten Mittelfeld, in dem wenige gute Wochen einen Klub nach oben tragen und wenige schlechte ihn unvermittelt in den Tabellenkeller stürzen können.
Gerade hier zeigt sich die eigentliche Härte der 2. Bundesliga. Nicht jeder Verein darf von der Champions League träumen. Nicht jeder Spieltag schreibt Geschichte. Manchmal besteht Fortschritt darin, Rückschläge zu begrenzen, Spiele offen zu halten und die eigene Saison nicht schon im Oktober aus der Hand zu geben.
Osnabrück muss seine Defensive stabilisieren. 13 Gegentore sind ein Warnsignal. Zugleich hat der VfL zehn Treffer erzielt und damit gezeigt, dass offensiv durchaus etwas möglich ist. Der nächste Schritt besteht darin, aus einzelnen guten Phasen verlässlichere Leistungen zu machen.
Man könnte an die grossen Epochen der europäischen Geschichte denken: Nicht jeder Wandel beginnt mit einem Paukenschlag wie der Renaissance. Manchmal verändert sich eine Lage schrittweise, durch Beharrlichkeit, kluge Entscheidungen und die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen. Für den VfL ist das keine schlechte Wegbeschreibung.
Das Urteil: Der Herbst hat noch viele Kapitel
Die Tabelle erzählt nach sieben Spieltagen drei Geschichten. Hertha liefert die Geschichte des Aufbruchs. Nürnberg und Wolfsburg stehen für den schmalen Grat zwischen Offensivlust und Kontrollverlust. Magdeburg ist der ambitionierte Aussenseiter, der seine Chance erkennt. Und Osnabrück steht für die Arbeit, die im Schatten der grossen Schlagzeilen verrichtet werden muss.
21 Punkte für Hertha, 17 für Nürnberg, 13 für Magdeburg, zwölf für Wolfsburg und acht für Osnabrück: Zwischen Aufstiegshoffnung und Alltag liegen derzeit Welten – und doch ist noch nichts entschieden.
Die Saison ist kein antikes Drama mit festgeschriebenem Ende. Sie ist ein offenes Geschichtsbuch. Hertha hält momentan die Feder in der Hand. Doch bis zum letzten Spieltag werden noch viele Seiten beschrieben werden. Und Osnabrück? Der VfL muss dafür sorgen, dass seine Geschichte nicht bloss aus dem Bemühen besteht, den Anschluss nicht zu verlieren.
Daniel Gerber